Argentinien ist das größte Weinland Südamerikas und mit 196.220 Hektar Rebfläche die achtgrößte der Welt (Instituto Nacional de Vitivinicultura, Stand 31. Dezember 2025). Bemerkenswert ist weniger die Größe als die Ausdehnung: Von der Quebrada de Humahuaca in Jujuy bis nach Sarmiento in Chubut liegen rund 2.400 Kilometer, das entspricht der Strecke von Hamburg nach Athen. Was andernorts der Breitengrad regelt, regelt hier die Höhe. Während europäische Weinberge selten über 500 Meter hinauskommen, beginnt der Weinbau in den Anden bei 600 Metern und endet erst bei 3.111 — so hoch liegt die Lage Altura Máxima der Bodega Colomé in Salta, knapp 150 Meter über dem Gipfel der Zugspitze. Zugleich wächst im patagonischen Río-Negro-Tal Wein auf gerade einmal vier Metern über dem Meer. Diese Spannweite und nicht der Malbec allein ist es, die argentinischen Wein interessant macht — auch wenn der Malbec die Bühne beherrscht.
Wie die Rebe nach Argentinien kam
Die erste Rebe auf argentinischem Boden verdankt sich einer Rückreise. Anfang 1557 brachte der Geistliche Juan Cidrón von La Serena in Chile kommend Baumwollsamen und Rebstöcke nach Santiago del Estero im Nordwesten — rund 1.100 Kilometer von der Küste des Río de la Plata entfernt, wo der Weinbau bis heute keine Rolle spielt. Der Anlass war praktisch: Die Missionare brauchten Messwein, und der Import aus Spanien dauerte Monate. Mitgebracht wurden Listán Prieto, in Amerika Criolla Chica genannt und in Kalifornien als Mission bekannt, sowie Muscat von Alexandrien. Aus deren Kreuzung entstanden später die typisch argentinischen Criolla-Sorten Cereza und Criolla Grande, die noch heute ein Viertel der Rebfläche stellen — sie sind also nicht die Gründersorten, sondern deren amerikanische Nachkommen.
Wasser aus den Anden: die acequias der Huarpes
Argentinischer Weinbau ist Bewässerungsweinbau, und das war er schon vor der Ankunft der Spanier. In der Region Cuyo, dem Kernland um Mendoza und San Juan, lebten die Huarpes; sie leiteten Wasser aus den Flüssen über Kanäle, die acequias, in die ansonsten knochentrockene Ebene. Als Pedro del Castillo 1561 die Stadt Mendoza gründete, existierten die Kanäle Allayme, Tabal und Guaymallén bereits. Die Inka, die das nördliche Mendoza im späten 15. Jahrhundert für etwa sechzig Jahre beherrschten, verfeinerten die Technik, erfunden haben sie sie nicht. Ohne dieses Erbe gäbe es hier keinen Wein: In der Weinbauzone verdunstet regelmäßig mehr Feuchtigkeit, als der Himmel nachliefert. In Cafayate in Salta fallen 186 Millimeter Niederschlag im Jahr, ein Fünftel dessen, was die Pfalz bekommt.
Malbec: eine französische Sorte findet eine neue Heimat
Malbec stammt nicht aus Bordeaux, auch wenn er dort lange im Verschnitt landete und unter dem Namen Pressac lief. Die DNA-Analyse von Jean-Michel Boursiquot und Kollegen wies 2009 die Elternsorten nach: Magdeleine Noire des Charentes und Prunelard, eine Sorte aus dem Tarn. Die Heimat der Rebe ist der französische Südwesten, ihre klassische Adresse das Quercy um Cahors an der Lot — nicht die Cevennen, die 250 Kilometer weiter östlich liegen. In Frankreich stehen heute rund 7.600 Hektar Malbec, in Argentinien 46.890 (INV, Stand 31. Dezember 2025), gut 24 Prozent der nationalen Rebfläche und mehr als die gesamte Rebfläche Österreichs. Rund drei Viertel des weltweiten Malbec wachsen also in Argentinien, und weil die Reblaus hier nie die europäische Verheerung anrichtete, stehen etwa 90 Prozent der Reben wurzelecht — auf eigener Wurzel statt auf amerikanischer Unterlage veredelt.
Vom Massenwein zur Qualität: der Bruch der 1980er
Lange war argentinischer Wein ein reines Inlandsgeschäft, und zwar ein gewaltiges. Von rund 1.500 Hektar im Jahr 1873 wuchs die Rebfläche auf 44.700 Hektar bis 1910 und auf etwa 350.000 Hektar Ende der 1970er Jahre — getragen von Einwanderern aus Spanien und Italien, von Peróns Wohlstandspolitik ab 1946 und von einem Pro-Kopf-Konsum, der 1970 über 90 Liter im Jahr lag. Heute sind es weniger als 20. Als der Konsum einbrach, wurden in den 1980er Jahren riesige Flächen gerodet; Militärdiktatur und Falklandkrieg isolierten das Land zusätzlich. Erst die Rückkehr zur Demokratie 1983 und die Währungsstabilisierung ab April 1991 machten Investitionen möglich. Der Rückgang hält an: Seit 2015 hat Argentinien 12,4 Prozent seiner Rebfläche verloren, allein 3.726 Hektar im letzten Berichtsjahr.
Die Weinbauprovinzen von Jujuy bis Chubut
Argentiniens Weinbau ist stark konzentriert. Auf Mendoza entfallen 140.682 Hektar oder 71,7 Prozent der nationalen Rebfläche, auf San Juan weitere 38.703 Hektar oder 19,7 Prozent — zusammen also über neun Zehntel. Der Rest verteilt sich auf La Rioja mit 6.703 Hektar, Salta mit 3.701, Catamarca mit 2.370 sowie die patagonischen Provinzen Neuquén und Río Negro mit zusammen rund 2.770 Hektar (alle Zahlen INV, Stand 31. Dezember 2025). Diese kleinen Provinzen sind für das Volumen unbedeutend und für das Profil des Landes entscheidend: Sie liefern die Weine, über die international gesprochen wird, während San Juan überwiegend Most und Basisweine stellt.
Salta und die Calchaquí-Täler
Die Valles Calchaquíes im Nordwesten sind Argentiniens Extremzone. Die Weinberge liegen zwischen 1.530 und 3.111 Metern, Cafayate als Zentrum auf rund 1.700 — dort steht mit einer 1862 gepflanzten Torrontés-Parzelle der älteste dokumentierte lebende Weinberg des Landes. Die Höhe bringt intensive UV-Strahlung, die Beeren bilden dickere Häute und mehr Farbstoffe; die Tag-Nacht-Amplitude von rund zwölf Grad hält die Säure. Das Ergebnis sind Malbec und Tannat von auffallender Dichte und Torrontés von einer Aromatik, die es sonst nirgends gibt. Frost und Hagel sind die Kehrseite: In Mendoza wurden zwischen 1887 und 1986 im Mittel knapp neun Hageltage pro Distrikt und Jahr gezählt, in Einzeljahren fielen über 70 Prozent einer Ernte aus.
Patagonien ist älter als sein Ruf
Patagonien gilt als neue Grenze des argentinischen Weinbaus, und das stimmt nur halb. Der Alto Valle des Río Negro wurde ab etwa 1900 mit Eisenbahn und Bewässerungskanälen erschlossen; die Bodega Humberto Canale entstand 1909 und pflanzte 1912 ihre ersten Reben — sie ist heute in fünfter Generation in Familienbesitz, und im Río Negro stehen Rebstöcke zwischen 20 und 80 Jahren. Neu ist Neuquén, wo seit Ende der 1990er Jahre um San Patricio del Chañar praktisch von Null aufgebaut wurde. Was Patagonien auszeichnet, ist nicht Höhe, sondern Breitengrad und Wind: kühle Nächte, ein ständiger trockener Wind, der den Pilzdruck senkt, und dadurch Pinot Noir, Merlot und Sémillon von einer Frische, die weiter nördlich schwer zu erreichen ist.
Torrontés und die weißen Sorten
Weiße Sorten stellen in Argentinien 18,8 Prozent der Rebfläche, rote 56,3 Prozent, die rosafarbenen Criolla-Sorten die restlichen 24,9 Prozent (INV, 31. Dezember 2025). Die bekannteste weiße Sorte ist Torrontés Riojano mit 7.075 Hektar — trotz des Namens keine spanische Rebe, sondern eine in Amerika entstandene Kreuzung aus Muscat von Alexandrien und Criolla Chica, wie Cecilia Agüero und Kollegen 2003 nachwiesen. Der Name verweist auf die argentinische Provinz La Rioja, wo ein Fünftel der Fläche steht; der Flächenschwerpunkt liegt allerdings in Mendoza mit knapp 40 Prozent, die qualitative Referenz dagegen in Cafayate. Torrontés duftet nach Orangenblüte, Jasmin und Muskat und schmeckt trockener, als die Nase erwarten lässt. Daneben stehen Chardonnay, Chenin Blanc, Sauvignon Blanc und Sémillon.
Herkunft, Bio und was wir führen
Argentinien kennt zwei Denominaciones de Origen Controlada — Luján de Cuyo und San Rafael, beide in Mendoza — und darüber hinaus mehr als hundert Indicaciones Geográficas, die seit 2002 die Herkunft feiner gliedern. Biologischer Weinbau fällt im trockenen Klima leichter als in Europa, von selbst läuft er trotzdem nicht: Rund 7.300 Hektar oder 3,4 Prozent der Rebfläche sind zertifiziert (Stand 2022), und der Traubenwickler Lobesia botrana wird in Mendoza und San Juan staatlich bekämpft. Daniel Rada vom Observatorio Vitivinícola Argentino ordnet den Anteil so ein: „Eine kleine Zahl nach innen, aber eine bedeutende für die Welt" — Argentinien stellt elf Prozent der weltweiten Bio-Rebfläche. Wir führen aus Argentinien derzeit ausschließlich Domaine Bousquet aus Gualtallary, biozertifiziert seit 2004, von knapp neun bis knapp siebzehn Euro. Wer den Vergleich über die Anden sucht, findet ihn in unserer Auswahl aus Chile; wer es genauer wissen will, in der Region Mendoza.