Neuseeland ist das jüngste der großen Weinländer und zugleich das am stärksten spezialisierte. Auf 42.520 Hektar Ertragsfläche standen 2025 allein 28.702 Hektar Sauvignon Blanc — gut zwei Drittel der gesamten Rebfläche und achtzig Prozent der Ernte (New Zealand Winegrowers, Jahresbericht 2025). Marlborough auf der Südinsel bringt davon 30.469 Hektar auf, mehr als siebzig Prozent des Landes. Kein anderes Weinland hängt derart an einer Sorte und einer Region. Dabei war Neuseeland bis in die siebziger Jahre weinbaulich kaum vorhanden, und die Gründe dafür liegen weniger im Boden als im Gesetz. Was das Land seither aufgebaut hat, ist bemerkenswert: 99 Prozent Schraubverschluss, 98 Prozent der Fläche nachhaltig zertifiziert und ein Exportwert von 2,1 Milliarden neuseeländischen Dollar. Fast alles davon ist in einem einzigen Menschenleben entstanden — die erste Rebe in Marlborough wurde 1973 gesetzt. Und daraus folgt inzwischen auch ein Problem.
Nicht Deutsche und Italiener, sondern Briten und Dalmatiner
Die ersten Reben pflanzte der anglikanische Missionar Samuel Marsden am 25. September 1819 in Kerikeri in der Bay of Islands; Ziegen fraßen die Anlage kahl, weil niemand sie eingezäunt hatte. Den ersten dokumentierten Wein des Landes keltert der britische Resident James Busby ab 1836 in Waitangi. Die eigentliche Gründergeneration des kommerziellen Weinbaus kam aber ab den 1890er Jahren aus Dalmatien: Kroaten, die zunächst als Kauriharzgräber nach Northland und West-Auckland gekommen waren und dort Reben setzten. Aus dieser Gruppe stammen Babich, gegründet 1919, Selak 1934, Nobilo 1943, Montana 1944 und Delegat 1947. Weil Dalmatien damals zu Österreich-Ungarn gehörte, wurde ihr Wein abschätzig als österreichisch verspottet — daher rührt vermutlich die falsche Zuschreibung an mitteleuropäische Einwanderer.
Der späte Start hat einen Namen: Six O'Clock Swill
Warum ein Land mit hervorragenden Bedingungen erst in den siebziger Jahren mit ernsthaftem Weinbau begann, erklärt nicht die Geografie, sondern die Abstinenzbewegung. Ab Dezember 1917 mussten neuseeländische Schankbetriebe um achtzehn Uhr schließen — zunächst als Kriegsmaßnahme gedacht, ein Jahr später dauerhaft gemacht. Die Folge war der Six O'Clock Swill: eine Stunde hektisches Trinken nach Feierabend, ohne jede Kultur des Genusses. Fünfzig Jahre hielt diese Regelung; erst ein Referendum vom 23. September 1967, bei dem 64,4 Prozent für längere Öffnungszeiten stimmten, beendete sie am 9. Oktober 1967. Ein Land, das ein halbes Jahrhundert lang keine Trinkkultur entwickeln durfte, baut auch keinen Qualitätswein an.
Marlborough ist trocken und sonnig, nicht regnerisch
Die Vorstellung von einem mitteleuropäischen Klima mit viel Regen trifft auf die wichtigste Weinregion des Landes gerade nicht zu. Blenheim, das Zentrum Marlboroughs, zählt nach den Messreihen des staatlichen Instituts NIWA 2.475 Sonnenstunden im Jahr und liegt damit vor Auckland mit 2.003, Wellington mit 2.110 und Christchurch mit 2.142 Stunden. Der Niederschlag im Wairau- und im Awatere-Tal bleibt unter 800 Millimetern, rund um den Lake Grassmere stellenweise unter 600 — das ist trockener als jedes deutsche Anbaugebiet. Regenreich sind andere Ecken des Landes, etwa die Marlborough Sounds mit 1.600 bis 1.800 Millimetern. Zwischen dem subtropisch getönten Norden und dem kühlen Süden liegen ohnehin Welten.
Hawke's Bay liegt an der Ostküste, nicht im Nordosten
Die Region für Weine im Bordeaux-Stil ist Hawke's Bay, und sie liegt an der Ostküste der Nordinsel auf etwa neununddreißig Grad südlicher Breite — also deutlich südlich von Auckland und Northland, die tatsächlich den Nordosten bilden. Ihr bekanntestes Teilgebiet sind die Gimblett Gravels: ein Schotterbett, das der Ngaruroro nach einer Flut in den 1860er Jahren freilegte. Die zugehörige Erzeugervereinigung gründete sich 2001, das abgegrenzte Gebiet umfasst rund 800 Hektar. Angebaut werden dort Syrah, Cabernet Sauvignon, Merlot, Cabernet Franc und Chardonnay. Die zweite Adresse für Cabernet-Merlot-Cuvées ist Waiheke Island im Hauraki-Golf vor Auckland — die liegt tatsächlich im Norden. Mit 4.605 Hektar ist Hawke's Bay nach Marlborough die zweitgrößte Weinregion Neuseelands, kommt damit aber nur auf gut ein Siebtel von deren Fläche.
Warum dieser Sauvignon so riecht, wie er riecht
Marlboroughs erste größere Rebanlage pflanzte Montana am 24. August 1973; der erste Sauvignon Blanc folgte 1979, und ab 1985 machte Cloudy Bay den Stil international bekannt. Was diesen Stil ausmacht, ist chemisch gut untersucht. Eine Arbeit von Benkwitz und Kollegen im American Journal of Enology and Viticulture wies 2012 nach, dass neuseeländischer Sauvignon Blanc deutlich höhere Werte an Methoxypyrazinen und an flüchtigen Thiolen aufweist als Sauvignon aus anderen Ländern. Die Pyrazine liefern die grüne, paprikaartige Note, die Thiole 3-Mercaptohexanol und 3-Mercaptohexylacetat den Duft nach Buchsbaum, Passionsfrucht und Grapefruit. Das ist kein Marketingversprechen, sondern messbar. Wer den Stil nicht mag, mag also keine Pyrazine — das ist eine Geschmacksfrage und keine Qualitätsfrage.
Central Otago ist nicht mehr die südlichste Weinregion
Fast vierzig Jahre lang trug das Weingut Black Ridge in Central Otago den Titel des südlichsten Weinbergs der Welt. Am 17. März 2019 verlor es ihn an eine argentinische Anlage rund dreiunddreißig Kilometer weiter südlich; inzwischen reicht der Weinbau im patagonischen Chubut bis etwa fünfundvierzig Grad Süd. Was bleibt, ist die klimatische Ausnahmestellung: Central Otago wird von Gebirgszügen abgeschirmt und hat als einzige neuseeländische Region ein halb kontinentales Klima mit heißen, trockenen Sommern und kalten Wintern. Auf 2.106 Hektar entsteht dort der ernsthafteste Pinot Noir des Landes — die zweitwichtigste Rebsorte Neuseelands nach dem Sauvignon Blanc. Die Weinberge liegen dort in Schotter- und Lössterrassen der Flusstäler um Bannockburn, Gibbston und Bendigo.
Neunundneunzig Prozent Schraubverschluss
Kein Land hat den Drehverschluss so konsequent durchgesetzt. Die New Zealand Screwcap Wine Seal Initiative startete 2001, als rund ein Prozent der Erzeugung so verschlossen wurde; 2004 waren es bereits siebzig Prozent, heute rund neunundneunzig. Ähnlich entschlossen ging das Land bei der Nachhaltigkeit vor: Das Programm Sustainable Winegrowing New Zealand besteht seit 1995, inzwischen sind achtundneunzig Prozent der Ertragsfläche zertifiziert, gut zehn Prozent zusätzlich biologisch; bis 2050 will die Branche klimaneutral sein. Ein Herkunftsrecht hat Neuseeland ebenfalls, wenn auch spät: Der Geographical Indications Act von 2006 trat erst 2017 in Kraft und schützt seither Namen wie Marlborough und Hawke's Bay.
Zu viel Sauvignon Blanc im Keller
Die Spezialisierung, die Neuseeland groß gemacht hat, wird gerade zum Problem. 2025 gingen 288,8 Millionen Liter im Wert von 2,098 Milliarden neuseeländischen Dollar in den Export, das sind neunzig Prozent der gesamten Verkäufe; die Vereinigten Staaten nehmen davon sechsunddreißig Prozent ab, Großbritannien neunzehn, Australien sechzehn. Deutschland ist mit rund 54 Millionen Dollar ein Nebenmarkt. Bei einer Ernte von 519.000 Tonnen entstand ein Überhang, den Philip Gregan, damals Vorsitzender von New Zealand Winegrowers, am 1. Dezember 2025 nüchtern beschrieb: „we produced more wine than we have sold in the past 12 months." Einzelne Betriebe pflügten unverkaufte Trauben wieder unter. Seit dem 30. März 2026 führt Anishka Jelicich den Verband und hat damit die Aufgabe geerbt, ein Land aus der Abhängigkeit von einer Sorte zu führen.
Was wir aus Neuseeland führen
Vier Weine stehen bei uns, und zwei davon erzählen eine Geschichte, die man selten so direkt vergleichen kann. Clos Henri in Marlborough gehört der Familie Bourgeois aus Sancerre — benannt nach Henri Bourgeois, der in den fünfziger Jahren mit zwei Hektar in Chavignol anfing. Wir führen beide Seiten: den Sauvignon Blanc derselben Familie aus der Loire und hier die beiden Bodenweine Stones und Clay, Jahrgang 2020, für je 59,50 Euro. Dazu kommen zwei biozertifizierte Positionen für je 18,95 Euro: der Windrush Rosé 2024 aus Pinot Noir und der Te Mānia Pinot Gris 2022 aus Nelson. Sauvignon Blanc bei acht bis zehn Grad, den Pinot Gris bei zehn bis zwölf; weitere Bioweine stehen in einer eigenen Kategorie, alle Herkünfte unter Länder und Regionen.