Emilia-Romagna ist keine Provinz, sondern eine Region aus neun Provinzen mit Bologna als Hauptstadt — und sie zerfällt nicht in Nord und Süd, sondern in West und Ost. Die Emilia liegt westlich, entlang der römischen Via Aemilia mit Piacenza, Parma, Reggio Emilia und Modena; die Romagna liegt östlich, mit Ravenna, Forlì-Cesena und Rimini. Als Grenze gilt traditionell der Fluss Sillaro bei Castel San Pietro Terme, ein Stück östlich von Bologna. Weinbaulich sind das zwei verschiedene Welten: hier der Lambrusco, dort der Sangiovese. Rund 50.180 Hektar Rebfläche wies ISTAT für 2024 aus, womit die Region nach Fläche auf Rang fünf liegt — nach Erzeugungsmenge aber mit 6,9 Millionen Hektolitern auf Rang drei. Diese Lücke zwischen Fläche und Menge erklärt einiges: Hier arbeitet niemand mit minimalen Erträgen, hier entsteht Alltagswein, und zwar im industriellen Maßstab. Und trotzdem stehen in dieser Region zwei DOCG, von denen eine italienische Weingeschichte geschrieben hat.
Lambrusco ist eine Sortenfamilie, keine Rebsorte
Wer Lambrusco für eine einzelne Traube hält, unterschätzt die Sache erheblich. Lambrusco bezeichnet eine ganze Sortenfamilie, und die wichtigsten Mitglieder ergeben deutlich verschiedene Weine: Lambrusco di Sorbara ist hell, säurebetont und duftet nach Veilchen; Lambrusco Grasparossa ist dunkel, gerbstoffreicher und kräftiger; dazu kommen Salamino, Maestri, Marani und Montericco. Jede dieser Sorten hat ihre eigene Herkunft — Lambrusco di Sorbara, Lambrusco Grasparossa di Castelvetro und Lambrusco Salamino di Santa Croce sind eigenständige DOC, daneben stehen Reggiano, Modena und Colli di Scandiano e di Canossa. Nicht zur Emilia-Romagna gehört dagegen der Lambrusco Mantovano: Diese DOC liegt in der Lombardei, in der Provinz Mantua südlich des Po.
Grasparossa wächst im Hügelland, nicht in der Poebene
Der Satz, Lambrusco wachse auf den fruchtbaren Böden der Poebene, stimmt nur für einen Teil der Familie. Für Lambrusco di Sorbara und Lambrusco Salamino di Santa Croce trifft er zu — beide stehen überwiegend in der Ebene um Modena und Reggio Emilia. Lambrusco Grasparossa di Castelvetro dagegen kommt aus den Hügeln am Fuß des Apennin, südlich von Modena, und genau daher stammt sein anderer Charakter: mehr Gerbstoff, mehr Farbe, mehr Struktur. Das ist kein Detail für Spezialisten, sondern der Grund, warum ein Grasparossa zu Zampone und Cotechino passt, während ein Sorbara zum Prosciutto di Parma gehört. Auch das Weingut Villa Cialdini, das Chiarli seit 2002 betreibt, liegt in Castelvetro — also im Hügelland.
Wie der süße Lambrusco nach Amerika kam
Das deutsche Bild vom süßen Billig-Lambrusco hat einen konkreten Ursprung. Die 1950 von neun Erzeugern gegründete Genossenschaft Riunite brachte ab 1967 einen eigens auf den amerikanischen Geschmack abgestimmten, halbsüßen Lambrusco in die Vereinigten Staaten; ab 1973 war er die meistverkaufte Importweinmarke des Landes, 1985 wurden 11,5 Millionen Kisten abgesetzt — ein Rekord, der Jahrzehnte hielt. Der Werbespruch „Riunite on ice, that's nice" prägte eine ganze Generation. Seit den neunziger Jahren läuft die Gegenbewegung: trocken ausgebaute Lambruschi für die Gastronomie, etwa der Concerto von Medici Ermete ab 1993, und eine Rückkehr zur Flaschengärung nach der Metodo Ancestrale. Der Großteil entsteht weiterhin im Drucktank nach Charmat.
Albana war Italiens erste weiße DOCG
Als 1987 die Albana di Romagna zur DOCG erhoben wurde, war das die erste Höchststufe, die Italien einem Weißwein zusprach — sie hieß bis dahin seit 1967 DOC und heißt heute Romagna Albana. Unumstritten war die Entscheidung nicht: Außerhalb der Romagna kannte den Wein kaum jemand, und der zugelassene Höchstertrag von 140 Doppelzentnern je Hektar galt vielen als zu großzügig für eine Spitzenklassifikation. Die Sorte kann trocken, halbsüß, süß und als Passito ausgebaut werden, wobei gerade die Passito-Versionen den Ruf gerettet haben. Die zweite DOCG der Region kam 2010: Colli Bolognesi Classico Pignoletto. Der Pignoletto ist dabei genetisch identisch mit dem Grechetto Gentile — mit dem umbrischen Grechetto hat er dagegen nichts zu tun.
Romagna Sangiovese und seine sechzehn Unterzonen
Der Sangiovese der Romagna steht seit Jahren im Schatten des toskanischen, hat aber eine Gliederung, die man dort erst später eingeführt hat. Das Lastenheft der Romagna DOC führt sechzehn Sottozonen, darunter Bertinoro, Predappio, Modigliana, Brisighella, Marzeno, Castrocaro, Cesena und Longiano — Namen, die auf dem Etikett stehen dürfen und für unterschiedliche Böden und Höhenlagen stehen. Die Riserva verlangt vierundzwanzig Monate Reife ab dem 1. Dezember des Erntejahrs und mindestens dreizehn Volumenprozent. Neben dem Sangiovese steht der Trebbiano Romagnolo, der trotz des Namens eine eigenständige Sorte ist und nicht mit dem Trebbiano Toscano verwechselt werden darf; er steht auf rund 16.000 Hektar und liefert leichte Weißweine und Schaumweinbasis.
Balsamico: IGP und DOP sind zwei verschiedene Dinge
Zwischen den beiden Balsamico-Kategorien liegt mehr als ein Wort. Aceto Balsamico Tradizionale di Modena DOP und sein Gegenstück aus Reggio Emilia bestehen ausschließlich aus gekochtem Traubenmost — Lambrusco, Ancellotta, Trebbiano aus der jeweiligen Provinz —, reifen mindestens zwölf Jahre im Solera-Verfahren über eine Fassreihe aus verschiedenen Hölzern und werden in einer genormten Ampulle zu hundert Millilitern abgefüllt. Aceto Balsamico di Modena IGP dagegen ist eine Mischung aus mindestens zehn Prozent Weinessig und mindestens zwanzig Prozent eingekochtem Traubenmost, der von überallher stammen darf, plus bis zu zwei Prozent Karamell; die Mindestreife beträgt sechzig Tage. Beides sind legitime Produkte. Sie sind nur nicht dasselbe, und der Preisunterschied hat einen Grund.
Die größten Weinhäuser Italiens stehen hier
Kein anderer Landstrich Italiens ist so genossenschaftlich geprägt. Cantine Riunite und CIV mit Sitz bei Reggio Emilia vereinen rund 1.400 Winzer und sind gemessen am Umsatz das größte Weinunternehmen des Landes; Caviro in Faenza, bekannt durch die Marke Tavernello im Karton, folgt mit rund 385 Millionen Euro (Mediobanca, Bezugsjahr 2024). Beide leben von Menge, und beide finanzieren damit auch die Qualitätsprojekte der Region. Verwundbar ist sie trotzdem: Die Flut im Mai 2023 traf vor allem die Ebenenlagen der Provinz Ravenna, im September 2024 wiederholte sich das Muster. Roberto Monti, Präsident des Consorzio Vini di Romagna, formulierte im April 2026 als Ziel, „proseguire con determinazione nel percorso di crescita dei vini della Romagna" — den Wachstumskurs entschlossen fortzusetzen.
Was wir aus der Emilia-Romagna führen
Drei Positionen stehen in dieser Kategorie, alle unter sechs Euro. Zwei davon kommen von Chiarli 1860 aus Modena, dem ältesten Weinhaus der Region: Cleto Chiarli, ursprünglich Gastwirt, gründete es 1860, heute führt die Familie es in vierter Generation. Der Rosé di Bacco rosso und der Rosé di Bacco bianco kosten je 4,95 Euro und sind beide amabile, also halbtrocken — die süßere Seite des Lambrusco, nicht die trockene. Gut gekühlt bei acht Grad, zu Salami, Pizza oder einfach zwischendurch. Dazu kommt der Sangiovese del Conte 2024 von Conte di Campiano für 5,90 Euro. Wer den Sangiovese in seiner strengeren Form sucht, wird in der Toskana fündig; weitere Rotweine und die übrigen Gebiete stehen unter Italien.