Wenn die Friulaner einfach mal ein paar Jahrzehnte ihre Ruhe haben wollten, könnte man es ihnen nicht verdenken — nur gilt das hier als die falsche Einstellung. Aus einer Randlage im äußersten Nordosten Italiens, dreimal umkämpft und zweimal neu vermessen, ist die Region mit dem höchsten Weißweinanteil des Landes geworden: rund 86 Prozent der Erzeugung sind weiß, mehr als in jeder anderen italienischen Region (Stand 2022). Bestockt sind etwa 28.500 Hektar, also deutlich mehr als die Pfalz mit ihren rund 23.700. Was den Reiz ausmacht, ist die Lage im Dreiländereck: Die Julischen und Karnischen Alpen im Norden, die Adria im Süden, Slowenien im Osten, und mitten hindurch verlief vierzig Jahre lang der Eiserne Vorhang. Heute stehen hier Weine, die anderswo in Italien kaum ein Gegenstück haben — Friulano, Ribolla Gialla, Picolit, Schioppettino, Pignolo. Und in Oslavia begann, was heute in jeder Weinbar steht: der Orange Wine.
Julisch Venetien hat nichts mit Venedig zu tun
Der zweite Namensteil der Region wird regelmäßig falsch erklärt. Venezia Giulia, deutsch Julisch Venetien, erinnert nicht an die Republik Venedig, sondern ist eine Wortschöpfung des Sprachwissenschaftlers Graziadio Isaia Ascoli aus dem Jahr 1863: Er bildete sie nach den Julischen Alpen und der römischen Regio X Venetia et Histria, um eine sprachlich-kulturelle Einheit zu benennen. Venezianisch war das Friaul tatsächlich, aber unter anderem Namen und für 377 Jahre — von 1420 bis 1797. Das Ende dieser Epoche wurde ausgerechnet im Friaul selbst besiegelt: Der Vertrag von Campoformio, benannt nach dem Ort Campoformido bei Udine, wurde in der Nacht zum 17. Oktober 1797 in der Villa Manin in Passariano unterzeichnet. Napoleon verhandelte, Österreich bekam das venezianische Erbe.
1866 kam nur ein Teil des Friaul zu Italien
Die Grenzgeschichte der Region ist komplizierter als ein einzelnes Datum. Mit dem Frieden von Wien vom 3. Oktober 1866 fiel Venetien und damit der westliche Teil des Friaul um Udine an das Königreich Italien. Görz, Gradisca, Triest und Istrien blieben dagegen als Österreichisches Küstenland bei den Habsburgern — bis zum Ende des Ersten Weltkriegs. Rechtlich vollzog das erst der Vertrag von Saint-Germain vom 10. September 1919, die Grenze zum künftigen Jugoslawien zog der Vertrag von Rapallo vom 12. November 1920. Triest selbst wurde noch zweimal verhandelt: 1954 durch das Londoner Memorandum, endgültig erst durch den Vertrag von Osimo vom 10. November 1975. Dazwischen lagen die Isonzoschlachten und das Erdbeben vom 6. Mai 1976 mit rund tausend Toten.
Pinot Grigio führt, nicht der Friulano
Der Friulano gilt als Aushängeschild der Region, ist aber flächenmäßig nicht ihre wichtigste Sorte. Nach den ISTAT-Zahlen führt Pinot Grigio mit rund 4.750 Hektar mit weitem Abstand, gefolgt von Merlot mit 2.800 Hektar; Friulano folgt erst an dritter Stelle mit etwa 1.600 Hektar, also rund acht Prozent der Fläche — von einem Drittel, wie oft behauptet, ist das weit entfernt. Dahinter stehen Chardonnay, Sauvignon und Cabernet Franc mit je rund 1.300 Hektar sowie Refosco mit 750. Seit 2017 gibt es zusätzlich die überregionale DOC delle Venezie für Pinot Grigio aus Venetien, dem Friaul und dem Trentino: Aus diesem Gebiet stammen nach Angaben des Konsortiums 85 Prozent des italienischen und 43 Prozent des weltweiten Pinot Grigio.
Friulano hieß bis 2007 Tocai
Bis zum 31. März 2007 stand auf den Etiketten Tocai Friulano, und dann war Schluss. Ursache war das Weinabkommen zwischen der Europäischen Gemeinschaft und Ungarn von 1993, das die Bezeichnung Tokaji schützte; der Europäische Gerichtshof bestätigte das Verbot, die Region klagte erfolglos, und seither heißt die Sorte schlicht Friulano. Mit dem ungarischen Tokaji hatte sie ohnehin nie etwas zu tun. Ampelografisch handelt es sich um Sauvignonasse, auch Sauvignon Vert genannt, die aus Frankreich stammt — und die DNA zeigt keine bekannte Verwandtschaft mit Sauvignon Blanc, obwohl der Name das suggeriert. Bemerkenswerte Bestände gibt es außerhalb Europas nur in Chile, wo französisches Rebholz im 19. Jahrhundert fälschlich als Sauvignon Blanc verkauft wurde.
Die DOC Collio endet an der Staatsgrenze
Das Hügelland des Collio zieht sich über die Grenze nach Slowenien, die Appellation tut das nicht. Die DOC Collio liegt vollständig in der italienischen Provinz Gorizia; die slowenische Fortsetzung derselben Landschaft heißt Goriška Brda und hat eigene Herkunftsregeln. Gemeinsam ist beiden der Boden, den man hier Ponca nennt: eozäner Flysch, rund fünfzig Millionen Jahre alt, eine Wechsellagerung aus Mergel und Sandstein, entstanden als Trübestrom-Ablagerung auf einem Tiefseeboden — kein Korallenriff, wie oft behauptet, denn Riffe wachsen im warmen Flachwasser. Luca Raccaro, seit dem 1. April 2025 Präsident des Consorzio Tutela Vini Collio, nannte als Ziel, „rafforzare l'unità della Denominazione", die Einheit der Herkunft zu stärken. Für Frische sorgt die Bora, deren stärkste Böe in Triest mit 168 Kilometern je Stunde gemessen wurde.
Vier DOCG zwischen Süßwein und Ribolla
Friaul-Julisch Venetien hat vier DOCG, und zwei davon sind Süßweine. Ramandolo, seit 2001 in der Höchststufe, entsteht ausschließlich aus Verduzzo Friulano und ergibt einen bernsteinfarbenen Wein mit Honig-, Nuss- und Vanillenoten bei tragender Säure. Colli Orientali del Friuli Picolit folgte 2006: Der Picolit war im 18. und 19. Jahrhundert ein europaweit gesuchter Dessertwein an Fürstenhöfen, verlor diesen Rang aber, anders als Sauternes, vollständig. Trocken sind die beiden anderen — Rosazzo, seit 2011 eigenständig und zuvor Unterzone der Colli Orientali, sowie Lison, seit 2010 gemeinsam mit Venetien geführt. Daneben steht die Ribolla Gialla, die kaum in der Ebene wächst, sondern in den Hügeln im Osten: Stachelbeere, Grapefruit, ein Hauch Salbei.
Refosco, Pignolo und die Amphoren von Oslavia
Die roten Sorten des Friaul sind Sonderfälle. Refosco dal Peduncolo Rosso trägt seinen Namen nach dem roten Traubenstiel und ist nach DNA-Befund eine Elternsorte des Trentiner Marzemino; er liefert säure- und gerbstoffreiche Weine mit Pflaume, Feige und Mandel. Schioppettino, auch Ribolla Nera genannt, war fast verschwunden, bis die Familie Rapuzzi auf Ronchi di Cialla ihn in den siebziger Jahren zurückholte. Pignolo verdankt seinen Namen der zapfenförmigen Traube, wurde Ende des 17. Jahrhunderts erstmals erwähnt und an der Abtei Rosazzo wiedergefunden. Im Dorf Oslavia bei Gorizia begann außerdem eine internationale Bewegung: Josko Gravner baut seit 2001 in georgischen Amphoren aus, Stanko Radikon, gestorben am 11. September 2016, machte lange Maischestandzeiten wieder salonfähig.
Was wir aus dem Friaul führen
Drei Weine stehen bei uns, alle von Marco Felluga aus dem Collio und alle zu 16,95 Euro: Pinot Grigio 2024, Sauvignon Blanc 2022 und Chardonnay 2022. Das ist eine bewusst schmale, aber stimmige Auswahl — drei Sorten vom selben Erzeuger, auf demselben Ponca-Boden, also unmittelbar vergleichbar. Der Pinot Grigio zeigt hier, was diese Sorte kann, wenn sie nicht als Massenware behandelt wird: mehr Körper, mehr Salzigkeit, deutlich mehr Länge als das norditalienische Klischee. Alle drei bei zehn bis zwölf Grad servieren, zu Fisch, Prosciutto di San Daniele oder Frico. Was uns fehlt, sind die Eigenwilligen — ein Friulano, eine Ribolla Gialla, ein Orange Wine aus Oslavia; sprechen Sie uns an. Weitere Weißweine und die übrigen Gebiete stehen unter Italien.