Auf Mallorca wird seit über zweitausend Jahren Wein gemacht — die Vorstellung, hier fehle die Tradition und alles sei importiert, gehört zu den zählebigsten Irrtümern über die Insel. Römische Quellen loben den balearischen Wein bereits im zweiten vorchristlichen Jahrhundert, Jaume I. verteilte nach der Eroberung von 1229 Pflanzrechte, und im 19. Jahrhundert lieferte die Insel fässerweise nach Frankreich, dessen Weinberge die Reblaus gerade auffraß. Dann, 1891, kam sie auch hier an, und aus Reben wurden Mandelbäume. Was heute wächst, ist die zweite Insel: 2.105 Hektar auf den Balearen insgesamt (Stand 2025), zwei Herkunftsbezeichnungen, ein Dutzend fast vergessener Rebsorten und eine Handvoll deutscher Investoren, die den Wiederaufbau mitfinanziert haben. Nur heißt die bekanntere der beiden Herkünfte nicht Mallorca Binissalem, sondern schlicht Binissalem — den Inselnamen hat sie 2005 abgelegt.
Die DO heißt Binissalem, nicht Mallorca Binissalem
Der Name der ältesten balearischen Herkunft hat sich zweimal geändert, und die zweite Änderung ist noch kaum angekommen. Anerkannt wurde sie 1991 als erste Denominación de Origen der Balearen und als neununddreißigste Spaniens; vorausgegangen waren ein erster Antrag der Bodega Franja Roja von 1973 und der Status einer Denominación Específica ab dem 20. September 1985. Das Dekret 79/1994 der balearischen Regierung führte den Doppelnamen Binissalem-Mallorca ein, die Orden vom 21. November 2005 strich den Inselzusatz wieder. Amtlich heißt die Herkunft seither nur Binissalem, benannt nach der Kleinstadt zwischen Palma und Inca. Wer Mallorca Binissalem liest, liest einen Namen, den es seit zwei Jahrzehnten nicht mehr gibt.
Der größere Teil der Insel steht außerhalb der DO
Die beiden Herkunftsbezeichnungen decken nur eine Minderheit des mallorquinischen Weinbaus ab. Die DO Binissalem umfasst 566,54 Hektar, davon 398,07 rot und 168,47 weiß bestockt; die DO Pla i Llevant im Osten der Insel kam bei ihrer Anerkennung 2001 auf rund 250 Hektar. Unter der geschützten geografischen Angabe Vi de la Terra Mallorca stehen dagegen rund 1.900 Hektar, also deutlich mehr als beide Denominaciones zusammen. Insgesamt zählten die Balearen 2025 genau 2.105,4 Hektar Rebfläche, knapp drei Prozent weniger als im Jahr davor, bei einer Erzeugung von 55.126 Hektolitern. Dass die interessantesten Weine der Insel häufig nur Landwein sind, ist hier kein Qualitätsurteil, sondern eine Folge enger Sortenvorschriften.
Von den Römern über Jaume I. bis zum Exportboom
Mallorcas Weinbau ist urkundlich seit der römischen Eroberung von 123 vor Christus belegt; Plinius der Ältere lobte die balearischen Weine ausdrücklich und stellte sie den besten Italiens an die Seite. Auch unter islamischer Herrschaft riss die Kultur nicht ab — für das Jahr 903 sind Rebflächen dokumentiert. Nach der katalanischen Eroberung von 1229 vergab Jaume I. gezielt Pflanzrechte, unter anderem in Bunyola, Campos und Felanitx. Den größten Aufschwung brachte ausgerechnet das Unglück des Nachbarn: Als die Reblaus ab den 1860er Jahren die französischen Weinberge vernichtete, exportierte Mallorca in der Kampagne 1862/63 Wein in großem Stil nach Frankreich. Wer von einer jungen Weinregion spricht, meint die Betriebe, nicht die Reben.
1891 kam die Reblaus, danach kamen die Mandeln
Der Bruch in der mallorquinischen Weingeschichte lässt sich auf ein Jahr datieren: 1891 wurde die Reblaus auf der Insel nachgewiesen. Innerhalb weniger Jahre brach der Weinbau zusammen, und was folgte, prägt das Landschaftsbild bis heute — auf den gerodeten Flächen wurden Mandel- und Feigenbäume gepflanzt, deren Blüte im Februar heute Touristen anzieht. Die Bodega Ribas importierte bereits ab 1891 amerikanische Unterlagsreben und pflanzte neu; über die Größenordnung des Verlusts gehen die Angaben allerdings weit auseinander, weshalb hier keine Hektarzahl steht. Der Wiederaufbau begann erst ein Jahrhundert später, ab den späten 1980er Jahren, und er begann klein. Deshalb wirkt die Insel weinbaulich jung, obwohl sie es nicht ist.
Manto Negro ist ein Kind des Callet
Die wichtigste rote Sorte der Insel gibt es sonst nirgends. Manto Negro steht auf rund 320 Hektar und damit auf über zwanzig Prozent der mallorquinischen Rebfläche; in der DO Binissalem allein sind es 162,99 Hektar oder 40,94 Prozent der roten Fläche. Die Rebsortendatenbank des Instituts Geilweilerhof, unter der Nummer 7348, weist sie als natürliche Kreuzung aus Callet Cas Concos und Sabaté aus — Manto Negro ist also ein Nachkomme des Callet, nicht dessen Konkurrent. Callet selbst dürfte aus Callet Cas Concos Negro und Fogoneu hervorgegangen sein, wobei die DNA-Analyse von 2011 mit begrenzter Markerzahl arbeitete. Die weiße Leitsorte heißt Prensal Blanc oder Moll, beides dieselbe Rebe, und stellt mit 83,74 Hektar knapp die Hälfte der weißen Fläche Binissalems.
Gorgollassa, Escursac und die Rückkehr der alten Sorten
Seit 2012 holt Mallorca Rebsorten zurück, die schon als verschwunden galten. Das balearische Forschungsinstitut IRFAP hat sie in alten Weinbergen aufgespürt, vermehrt und zur Pflanzung freigeben lassen: 2012 Gorgollassa und Giró Ros, 2016 Escursac, 2020 Esperó de Gall, Mancès de Tibús und Callet Negrella, 2022 Giró Negre. Für Vinater ist das Verfahren noch nicht abgeschlossen. Diese Sorten liefern keine großen Mengen und keine dunklen, wuchtigen Weine — Gorgollassa etwa ergibt hellfarbige, säurebetonte Rote, die eher an eine kühle Bergregion erinnern als an eine Mittelmeerinsel. Genau deshalb sind sie interessant. Daneben stehen in beiden Lastenheften auch Cabernet Sauvignon, Merlot, Syrah, Chardonnay, Riesling und Viognier.
Ànima Negra trägt keine Denominación de Origen
Der bekannteste Wein der Insel ist kein DO-Wein. Ànima Negra, 1994 von Miquel Àngel Cerdà und Pere Obrador in Son Burguera bei Felanitx gegründet, arbeitet vor allem mit alten Callet-Reben und füllt unter der geografischen Angabe Vi de la Terra Mallorca ab — nicht unter Pla i Llevant, in dessen Gebiet das Gut liegt. Dieser Verzicht ist Programm: Wer Sorten oder Verschnitte außerhalb des Lastenhefts verwenden will, geht den Weg über den Landwein. Ähnlich verfahren mehrere der ambitioniertesten Erzeuger. Die älteste Adresse der Insel ist eine andere: Die Bodega Ribas in Consell führt ihre Geschichte auf 1711 zurück und wird in zehnter Generation geführt; José L. Ferrer in Binissalem gründete 1931.
Siebenundsiebzig Prozent bleiben auf der Insel
Mallorquinischer Wein wird kaum exportiert, und das hat einen einfachen Grund: Die Nachfrage vor Ort ist größer als die Erzeugung. Nach den Vermarktungszahlen für 2024 — 5,2 Millionen Liter im Wert von über 43 Millionen Euro — blieben 77 Prozent auf den Balearen selbst, 5,1 Prozent gingen aufs spanische Festland, knapp achtzehn Prozent ins Ausland; davon wiederum 63 Prozent nach Deutschland, elf in die Schweiz und sechs nach Dänemark. Die deutsche Verbindung reicht weiter als bis zum Absatz: Rund vierzehn Bodegas der Insel sind in deutscher Hand, darunter Can Axartell mit 54 Hektar und Es Fangar mit 64 Hektar Reben. Italienische und französische Eigentümer, die man der Insel gern nachsagt, sind dagegen nicht dokumentiert.
Der Jahrgang 2026 und wozu diese Weine passen
Zwei Trockenjahre hintereinander haben die Erntemengen gedrückt. In Binissalem kamen 2025 rund 920.000 Kilogramm Trauben herein, acht Prozent weniger als 2024, das seinerseits neunundzwanzig Prozent verloren hatte; besonders betroffen waren Callet und Moll. Die Lese 2026 begann am 6. August und damit früh. Xisca Armero, Präsidentin des Kontrollrats der DO Pla i Llevant, sagte am 11. August 2026 der Zeitschrift Economía de Mallorca: „Este año ha estado marcado por una falta de agua considerable y unas elevadas temperaturas durante un periodo prolongado." Manto Negro passt bei sechzehn Grad zu Sobrassada, Prensal Blanc bei zehn Grad zu Fisch. Unsere Rotweine und Weißweine stehen in eigenen Kategorien, die anderen Inselherkünfte unter Teneriffa und El Hierro, das gesamte Regal unter Spanien.