Die Basilikata ist Italiens Weinbau-Zwerg mit einem Riesen darin. Rund 5.147 Hektar Rebfläche wies das Rebflächenregister der AGEA für 2024 aus — Rang sechzehn unter den zwanzig Regionen und kaum ein Zwanzigstel dessen, was Apulien nebenan bewirtschaftet. Und doch steht hier einer der langlebigsten Rotweine Süditaliens: Aglianico del Vulture, gewachsen auf den vulkanischen Böden des erloschenen Monte Vulture, dessen höchster Gipfel, der Monte Pizzuto, 1.326 Meter erreicht. Die Region liegt eingekeilt zwischen Kampanien, Apulien und Kalabrien, hat nur zwei schmale Küstenzugänge und zählte zum 1. Januar 2025 noch 529.900 Einwohner — der stärkste Bevölkerungsrückgang aller italienischen Regionen. Wer Wein aus der Basilikata sucht, sucht fast immer Aglianico: spät gelesen, oft erst im November, mit einer Säure und einem Gerbstoff, die Jahrzehnte tragen. Sechs Herkunftsbezeichnungen gibt es trotzdem, und eine davon ist eine DOCG.
Fünftausend Hektar und sechs Herkunftsbezeichnungen
Die Zahl 10.000 Hektar steht in vielen deutschen Beschreibungen der Basilikata und ist ungefähr doppelt so hoch wie die Wirklichkeit. Auch der Satz, die Region habe nur eine einzige Herkunft, trifft nicht zu. Neben der DOCG bestehen vier DOC: Matera, seit 2005 anerkannt und über die gesamte Provinz gelegt, mit Primitivo als Hauptsorte und mindestens neunzig Prozent davon in den Sortenweinen; Terre dell'Alta Val d'Agri, seit 2003 und mit rund sechzehn Hektar eine der kleinsten Appellationen Italiens überhaupt, gestützt auf Cabernet Sauvignon und Merlot; sowie Grottino di Roccanova, seit 2009 und auf drei Gemeinden begrenzt, mit Sangiovese als Basis. Dazu kommt die IGT Basilicata, die regionsweit gilt. Bei den zertifizierten Weinen liegt die Region national auf Rang achtzehn.
Aglianico del Vulture Superiore ist eine DOCG
Die DOC Aglianico del Vulture besteht seit 1971, die Spitzenstufe kam erst später: Mit Ministerialdekret vom 2. August 2010, veröffentlicht in der Gazzetta Ufficiale Nr. 188 vom 13. August 2010, wurde Aglianico del Vulture Superiore zur DOCG erhoben. Die Auflagen sind streng. Die Weinberge müssen zwischen 200 und 700 Metern über dem Meer liegen, der natürliche Mindestalkohol beträgt dreizehn Volumenprozent, der Ertrag ist auf acht Tonnen Trauben und 52 Hektoliter Wein je Hektar begrenzt. Und es dauert: Der Wein „non può essere immesso al consumo prima del 1° novembre del terzo anno successivo a quello di produzione delle uve", darf also erst am 1. November des dritten Jahres nach der Ernte verkauft werden, nach mindestens zwölf Monaten im Holz und zwölf Monaten in der Flasche. Die Riserva braucht je vierundzwanzig.
Der Name kommt nicht von Hellenico
In fast jedem Text über Aglianico steht, der Name leite sich von Hellenico ab und verweise damit auf die Griechen, die Süditalien kolonisierten. Das lässt sich nicht halten, und zwar aus einem simplen chronologischen Grund: Aglianico ist bereits 1520 schriftlich belegt, das italienische Wort Ellenico taucht erst 1640 auf. Eine Ableitung wäre also rückwärts durch die Zeit gelaufen. Auch die DNA-Analysen der Sorte stützen die griechische Herkunftsthese nicht. Diskutiert werden stattdessen eine Ableitung vom spanischen llano, der Ebene, aus der Zeit der aragonesischen Herrschaft über Süditalien, oder vom lateinischen Apulianicum. Bewiesen ist keine der beiden. Was bleibt, ist eine Sorte ohne geklärte Namensherkunft — und die Erkenntnis, dass die schönste Erklärung nicht die richtige sein muss.
Vulkanische Tuffe statt karger Steine
Der Monte Vulture ist ein erloschener Vulkan, und seine Böden sind das Gegenteil von karg. Was hier ansteht, sind Tuffe, Aschen, Lapilli und Bimsstein aus der Eruptionsgeschichte des Berges — Material, das reich an Mineralstoffen ist, besonders an Kalium. Die verbreitete Formulierung von den kargen, steinigen Böden meint bestenfalls die schwere Durchwurzelbarkeit, nicht die Nährstofflage. Erloschen ist der Vulture allerdings nur im engeren Sinn: Das Gebiet bleibt seismisch aktiv, zuletzt gab es 1930 ein schweres Erdbeben, und die zahlreichen Mineralquellen rund um den Berg zeigen geothermische Restaktivität an. Die Höhenlage tut das Ihre: Zwischen 450 und 600 Metern liegen die meisten guten Lagen, hoch genug für kühle Nächte und damit für die Säure, die diesen Wein trägt.
Barolo des Südens? Ein Winzer dreht den Satz um
Aglianico del Vulture wird in der Fachpresse gern der Barolo des Südens genannt, und der Vergleich hat einen Kern: hohe Säure, festes Tannin, langes Alterungspotenzial, späte Lese bis in den November — Eigenschaften, die man vom Nebbiolo kennt. Die Erzeuger selbst finden den Titel weniger charmant. Andrea Piccin vom Weingut Grifalco im Vulture, dessen Familie aus der Toskana zugezogen ist und seit 2011 biozertifiziert arbeitet, kehrt ihn im Gespräch mit dem Italian Wine Podcast schlicht um: „Barolo ist der Aglianico des Nordens." Der Einwand ist berechtigt, denn stilistisch trennt beide viel. Aglianico bringt dunkle Frucht, Leder, Tabak und eine rauchige Note mit, wo der Nebbiolo Rose, Teer und Kirsche zeigt. Wer ihn jung öffnet, sollte dekantieren.
Horaz nannte den Vulture apulisch
Der Dichter Horaz wurde 65 vor Christus in Venusia geboren, dem heutigen Venosa, das mitten im Vulture-Gebiet liegt. In der vierten Ode seines dritten Buches erinnert er sich an den Berg seiner Kindheit: „me fabulosae Vulture in Apulo … fronde nova puerum palumbes texere" — sagenhafte Tauben hätten ihn als schlafendes Kind am apulischen Vultur mit frischem Laub bedeckt. Bemerkenswert daran ist das Wort apulisch: Der Berg zählte in der Antike zu Apulien, die heutige Regionsgrenze ist jünger. Auch der Name der Region ist ein Import — Basilicata geht auf das griechische basilikós zurück, kaiserlich, und stammt aus der byzantinischen Verwaltung des 11. Jahrhunderts. Die Bewohner nennen sich bis heute lieber Lucani, nach dem antiken Lukanien.
Was wir aus der Basilikata führen
Eine einzige Position steht bei uns aus der Basilikata, und das schreiben wir lieber hin, als die Kategorie größer erscheinen zu lassen, als sie ist: der Pipoli Aglianico del Vulture 2022 der Vigneti del Vulture für 6,95 Euro, teils im Stahltank, teils zehn Monate im Barrique ausgebaut, mit Sauerkirsche, dunklen Beeren und einer Spur Vanille. Für den Einstieg in diese Sorte ist er gut geeignet — bei sechzehn bis achtzehn Grad servieren, eine Stunde vorher öffnen, dazu Lamm, Wildschwein oder gereifter Pecorino. Wer einen Aglianico del Vulture Superiore aus der DOCG-Stufe sucht, spricht uns an; wir bekommen mehr, als im Regal steht. Die Nachbarregion mit dem Primitivo finden Sie unter Apulien, weitere Rotweine und die übrigen Gebiete unter Italien.