Carnuntum ist das einzige niederösterreichische Weinbaugebiet, in dem mehr rote als weiße Reben stehen — 54,9 gegenüber 43,6 Prozent der Fläche. Groß ist es nicht: 821 Hektar nach der Erhebung von Statistik Austria zum Stichtag 30. November 2025, knapp zwei Prozent der österreichischen Rebfläche, und aus der Ernte 2025 kamen 34.464 Hektoliter. Der Name stammt von der römischen Doppelsiedlung südlich der Donau, in der zu Beginn des zweiten Jahrhunderts rund 50.000 Menschen lebten und von der heute vor allem das Heidentor übrig ist. Zwischen Wien und der slowakischen Grenze stehen hier Zweigelt, Blaufränkisch, Grüner Veltliner und die Burgundersorten dicht beieinander, und mit dem Spitzerberg im Osten hat das Gebiet eine Lage, die inzwischen international zitiert wird. Wer österreichischen Rotwein jenseits des Burgenlands sucht, landet fast zwangsläufig hier — auch wenn Carnuntum erst seit 1993 unter eigenem Namen antritt.
Carnuntum DAC: drei Stufen, fünf Rebsorten
Carnuntum DAC gilt ab dem Jahrgang 2019 und kennt drei Stufen: Gebietswein, Ortswein und Riedenwein, wobei Ried die österreichische Bezeichnung für die Einzellage ist. Bemerkenswert daran ist, dass der Sortenspiegel auf allen drei Stufen derselbe bleibt — weiß Chardonnay, Weißburgunder und Grüner Veltliner, rot Zweigelt und Blaufränkisch, Cuvées mit mindestens zwei Dritteln dieser Sorten. Rote Riedenweine sind also ausdrücklich vorgesehen; die verbreitete Behauptung, für die höchste Stufe seien nur weiße Sorten zugelassen, trifft nicht zu. Die Roten müssen trocken sein und mindestens zwölf Volumenprozent haben. Sechs Gemeinden dürfen als Ortswein aufs Etikett: Göttlesbrunn, Hainburg, Höflein, Petronell-Carnuntum, Prellenkirchen und Stixneusiedl.
Warum hier mehr Rotwein wächst als sonst in Niederösterreich
Die Flächenverteilung erklärt, warum Carnuntum unter den niederösterreichischen Gebieten aus der Reihe fällt. Zweigelt führt mit rund 223 Hektar, dahinter Grüner Veltliner mit 158, Blaufränkisch mit 97, Chardonnay mit 52 und Merlot mit 49 Hektar; Bezugsjahr ist die Rebflächenerhebung zum Stichtag 3. Juli 2024. Alle anderen Gebiete des Bundeslandes sind klar weiß dominiert: das Weinviertel zu 78,5 Prozent, das Kamptal zu 81,4, die Wachau zu 93,9 Prozent. Selbst die Thermenregion, die man für ihre Roten kennt, bleibt mit 53,3 Prozent weiß. Vor gut hundert Jahren war das auch in Carnuntum so — damals standen hier fast nur weiße Sorten, darunter Silvaner und Österreichisch Weiß, die heute keine Rolle mehr spielen.
Rubin Carnuntum ist eine Marke, keine Herkunft
Rubin Carnuntum steht auf vielen Flaschen der Gegend und wird regelmäßig für eine amtliche Herkunft gehalten. Tatsächlich ist es eine Winzermarke, und zwar eine der ältesten ihrer Art in Österreich: Rund 25 Betriebe schlossen sich 1992 zusammen, um dem Zweigelt der Region ein gemeinsames Gesicht zu geben, heute zählt die Gruppe je nach Quelle 37 bis über 40 Mitglieder. Die Regeln sind knapp — ausschließlich Zweigelt, mindestens 12,5 Volumenprozent, das entspricht 18 Grad Klosterneuburger Mostwaage, und auf der Kapsel das Heidentor. Ein Ausbau im Holzfass ist entgegen verbreiteter Annahme nicht vorgeschrieben. Der Preis liegt meist zwischen acht und vierzehn Euro. 2018 traten zwanzig Carnuntumer Betriebe den Österreichischen Traditionsweingütern bei und stellen dort seither die mitgliederstärkste Regionalgruppe.
Der Spitzerberg ist Kalk, nicht Urgestein
Die bekannteste Ried des Gebiets liegt bei Prellenkirchen und wird geologisch regelmäßig falsch beschrieben. Granitgneis und Glimmerschiefer stehen am Spitzerberg nicht an: Der Hügel besteht aus verkarstungsfähigen Kalken und Dolomiten und gehört als Teil der Hundsheimer Berge zu den Ausläufern der Kleinen Karpaten. Dorli Muhr, die dort seit 2002 zwölf Hektar in vierzig Parzellen bewirtschaftet, brachte den Zusammenhang im November 2025 gegenüber dem Magazin Forbes auf einen Satz: „Kalk macht die Weine immer schlanker, präziser, dichter." Ihr Blaufränkisch war der erste österreichische Rotwein mit 98 Parker-Punkten. Unter Naturschutz steht der Berg seit 1981, als Erste Lage der Traditionsweingüter ist er inzwischen klassifiziert.
Was die Römer wirklich hinterlassen haben
Die Archäologie Carnuntums ist gut dokumentiert, die Weinzahlen, die in Regionaltexten kursieren, sind es nicht. Eiserne Rebmesser im Museum Carnuntinum belegen Weinbau vor Ort, mehr aber nicht: Die oft zitierten 12.000 Liter Tagesration für die Truppe und die daraus abgeleiteten acht bis zehn Millionen Liter Jahreserzeugung stammen aus keiner althistorischen Quelle und widersprechen einander obendrein rechnerisch. Der Sold der Legionäre war Geld, nicht Wein, und getrunken wurde vor allem Posca, verdünnter Weinessig. Belegt ist anderes: Marcus Aurelius führte von hier aus zwischen 171 und 173 die Markomannenkriege und schrieb einen Teil der Selbstbetrachtungen, das zivile Amphitheater fasste rund 13.000 Zuschauer, und 2011 wurde daneben eine Gladiatorenschule nachgewiesen.
Ein eigenes Gebiet erst seit dem 31. Dezember 1993
Als eigenständiges Weinbaugebiet ist Carnuntum jünger als der Glykolskandal. Bis zum 31. Dezember 1993 bildete es mit dem heutigen Wagram das Gebiet Donauland-Carnuntum; der Partner hieß nach der Trennung zunächst Donauland, gab 1995 das Traisental ab und wurde erst 2007 in Wagram umbenannt. Auch die Stadtgeschichte wird verkürzt erzählt: Das schwere Erdbeben, das Carnuntum zusetzte, ereignete sich um 350 und nicht im fünften Jahrhundert, und aufgegeben wurde die Stadt erst im Lauf des fünften Jahrhunderts, nachdem Rom Pannonien 433 an die Hunnen abgetreten hatte. Die Marchfeldschlösser schließlich, die gern zur Region gerechnet werden, liegen nördlich der Donau und damit außerhalb des Weinbaugebiets.
Was wir aus Carnuntum führen
Ein einziger Wein aus Carnuntum steht derzeit bei uns, und ausgerechnet der kommt vom Spitzerberg: der Blaufränkisch 2009 von Johannes Trapl aus Sarasdorf für 25,00 statt 32,00 Euro. Trapl bewirtschaftet rund fünfzehn Hektar auf steinigen Kalk- und Lehmböden und gehört zu den Erzeugern, die diese Lage über die Landesgrenzen hinaus bekannt gemacht haben. Ein siebzehn Jahre alter Blaufränkisch ist kein Alltagswein, sondern eine Gelegenheit: bei sechzehn bis achtzehn Grad servieren und eine Stunde vorher öffnen. Dass es bei dieser einen Flasche bleibt, ist eine Lücke — ein Rubin Carnuntum als Einstieg und ein Riedenwein aus Göttlesbrunn würden das Gebiet erst rund machen. Weitere Rotweine, der Grüne Veltliner und die übrigen Gebiete stehen unter Österreich, der burgenländische Gegenpol unter Burgenland.