Margaret River liegt im äußersten Südwesten Australiens, auf einer Landzunge zwischen Indischem Ozean und Südlichem Ozean, und ist mit rund 5.800 Hektar Rebfläche eine kleine Region mit großem Nachhall. Weniger als zwei Prozent der australischen Traubenernte kommen von hier — aber der durchschnittliche Traubenpreis lag 2024 bei 1.761 australischen Dollar je Tonne gegenüber 613 Dollar im Landesmittel, beim Chardonnay sogar bei 2.342 gegenüber 508. Im Export bringt der Liter 13,04 Dollar statt 3,93; vierundneunzig Prozent gehen in der Glasflasche außer Landes, nicht im Fass. Die Region misst 110 Kilometer von Nord nach Süd bei nur 27 Kilometern Breite, hat über 130 Kilometer Küste und keine Rebe, die weiter als eine halbe Autostunde vom Meer entfernt stünde. Rund 170 Erzeuger arbeiten hier, gut hundert davon mit eigenem Ausschank. Genau das prägt alles, was hier wächst: Cabernet Sauvignon, der eher an Bordeaux erinnert als an australische Wärme.
John Gladstones und die Frage, welcher Baum wo steht
Margaret River ist eine der wenigen Weinregionen der Welt, die am Schreibtisch entstanden. Der Agrarwissenschaftler John Gladstones von der University of Western Australia veröffentlichte 1965 eine Untersuchung über Klima und Böden des Südwestens im Hinblick auf den Weinbau und legte 1966 eine zweite nach, die Margaret River und Busselton gezielt bewertete. Sein Auswahlkriterium war botanisch und verblüffend praktisch: Geeignet sei Land, auf dem Redgum oder Marri wachsen — nicht Jarrah, Banksia oder Sheoak — mit braunen bis rötlichen Böden und sanfter Hangneigung. Der Perther Kardiologe Tom Cullity las das, kaufte Land in Wilyabrup und pflanzte 1967 Cabernet Sauvignon und Malbec. Diese Reben tragen heute noch. Es folgten Moss Wood 1969, Cape Mentelle 1970, Cullen 1971. Gladstones zog 1994 auch die offiziellen Grenzen der Region; seit dem 30. Oktober 1996 ist Margaret River eine eingetragene Geographical Indication.
Das maritimste Klima Australiens
Kein anderes australisches Weinbaugebiet wird so stark vom Meer beherrscht wie Margaret River. Wine Australia nennt es das ausgeprägteste maritime Klima aller Regionen des Landes; der Niederschlagsrhythmus ist mediterran, die Temperaturen sind es nicht. Die mittlere Tag-Nacht-Spanne liegt bei 10,1 Grad — für australische Verhältnisse bemerkenswert wenig, im Barossa Valley sind es deutlich mehr. Virginia Willcock, Kellermeisterin bei Vasse Felix, beschreibt den Effekt so: „Die gefühlte Temperatur liegt wegen der Seebrise oft drei bis sechs Grad unter der gemessenen." Diese Dämpfung nach oben wie nach unten ist der Grund, warum Cabernet Sauvignon hier reif wird, ohne die Säure zu verlieren, und warum die Region klimatisch am ehesten mit Bordeaux in einem trockenen Jahr verglichen wird.
Viel Regen, trockener Sommer: der Bewässerungsmythos
Über Margaret River ist häufig zu lesen, hier falle so viel Regen, dass Bewässerung überflüssig sei. Das erste stimmt, das zweite nicht. Der Jahresniederschlag liegt bei rund 1.100 Millimetern und damit weit über dem, was australische Weinregionen sonst bekommen — aber er fällt fast vollständig im Winter. Zwischen Oktober und April, wenn die Rebe wächst, bleiben je nach Messreihe 200 bis 275 Millimeter übrig, davon nur etwa 100 in der Reifephase. Der Regionalverband formuliert entsprechend vorsichtig: Der Bewässerungsbedarf werde durch eine Tonschicht unter den Kiesböden gemindert, die das Winterwasser hält — gemindert, nicht ersetzt. Seit 2007 sind sämtliche Oberflächen- und Grundwasservorkommen der Region proklamiert und jede Entnahme lizenzpflichtig. Trockenanbau gibt es, bei Moss Wood, Cullen und Leeuwin Estate, aber er gilt als mutige Ausnahme. Keith Mugford von Moss Wood nannte die Entscheidung schlicht „couragiert".
Eisensteinkies, im Boden gewachsen
Der Untergrund von Margaret River ist zwischen 1,13 und 1,6 Milliarden Jahre alt — Granit und Gneis des Leeuwin-Komplexes, eines der ältesten Gesteine, auf denen weltweit Reben stehen. Darüber liegen Verwitterungsböden, in denen ein besonderer Kies steckt: Eisenstein, also Laterit. Anders als die Quarz- und Kalkkiese europäischer Weinberge ist er nicht angeschwemmt, sondern im Boden selbst entstanden. Die wichtigste Bodenserie heißt Forest Grove und trägt 45 Prozent der Rebflächen; sie enthält bis zu 60 Prozent Eisensteinkies, der tagsüber Wärme speichert und sie nachts in die Traubenzone zurückgibt. Ein Viertel der Flächen steht auf der sandigeren Mungite-Serie. Beide sind hervorragend durchlässig und halten wenig Wasser — was den Wein prägt und zugleich erklärt, warum die Region trotz ihres Winterregens nicht ohne Bewässerung auskommt.
Cabernet, Chardonnay und die Cuvée namens SSB
Die Sortenverteilung von Margaret River ist ausgeglichener, als es der Ruf als Cabernet-Land vermuten lässt: 58 Prozent der Ernte sind weiß, 42 Prozent rot. An der Spitze liegen Cabernet Sauvignon und Sauvignon Blanc mit je 20 Prozent, dann Chardonnay mit 17, Semillon mit 16 und Shiraz mit 14 Prozent. Merlot, in älteren Texten über die Region gern genannt, kommt auf vier. Die regionale Spezialität ist eine Cuvée: SSB, der Verschnitt aus Semillon und Sauvignon Blanc, meist etwa hälftig, wobei die Reihenfolge der Buchstaben die dominierende Sorte anzeigt. Erfunden hat ihn 1979 Mike Peterkin bei Cullen; er gewann prompt eine Trophy in Perth. Gute Beispiele altern zehn Jahre und länger, auch wenn die allermeisten jung getrunken werden.
Wenn der Marri blüht, bleiben die Vögel weg
In Margaret River hängt die Ernte von einem Baum ab, der keine Trauben trägt. Der Marri-Eukalyptus blüht im Spätsommer, genau dann, wenn die Beeren weich werden, und zieht Silberaugen, Honigfresser und Papageien von den Weinbergen ab. Fällt die Blüte üppig aus, bleiben die Reben verschont; bleibt sie schwach oder kommt sie zu spät, stürzen sich die Vögel auf die Trauben, und die Winzer müssen früh Netze spannen. Der Weinbauberater Bruce Pearse beschreibt es als Umverteilung der Vogelpopulation, die deren Rückkehr in die Weinberge verzögert. Im Jahr 2018 gab es nach Aussage der Erzeugerin Cath Oates die stärkste Blüte seit Menschengedenken — der Vogeldruck lag praktisch bei null. Ein zweiter Umstand hilft: Western Australia ist reblausfrei, die Rebe ist dort amtlich als Schädling deklariert und wird durch Einfuhrauflagen ferngehalten. Die Reben stehen deshalb wurzelecht.
Vasse Felix: was wir aus Margaret River führen
Aus Margaret River führen wir Vasse Felix — das Gut, mit dem die Region 1967 begann. Tom Cullity formulierte seine Absicht damals ohne Umschweife: „Das Motiv für die erste Pflanzung bei Margaret River war nicht kommerziell. Das einzige Ziel war, den bestmöglichen Wein zu machen." Seit 1987 gehört das Weingut der Familie Holmes à Court, seit 2006 verantwortet Virginia Willcock die Weine; der Halliday Wine Companion kürte sie 2026 zur Winemaker of the Year. Bei uns steht der Syrah — und die Schreibweise ist Absicht. Nach rund einem Jahrzehnt hausinterner Versuche mit Spontangärung, Kohlensäuremaischung und zurückhaltendem Holzeinsatz nennt das Gut den Wein nicht mehr Shiraz, weil das Ergebnis der kühlen, pfeffrigen Rhône-Stilistik näher steht als dem warmen australischen Bild. Servieren Sie ihn bei 16 Grad zu Lamm oder gegrilltem Gemüse. Was sonst aus dem Land bei uns steht, finden Sie unter Australien.