Die Gascogne liegt im Südwesten Frankreichs, zwischen den Pyrenäen im Süden und dem Atlantik im Westen, und sie ist eine der wenigen Gegenden Europas, in denen der Brand berühmter ist als der Wein. Aus dem Département Gers kommt der Armagnac, und die Weinberge, aus denen er destilliert wird, liefern nebenbei einen der größten Erfolge des französischen Weinexports: die Weißweine der Côtes de Gascogne. Rund 12.000 Hektar tragen etwa 750.000 Hektoliter im Jahr, das sind gut hundert Millionen Flaschen, erzeugt von etwa tausend Betrieben — zweihundert selbstvermarktenden Winzern und achthundert Genossenschaftsmitgliedern. Fünfundachtzig Prozent davon sind weiß, und sechzig Prozent gehen in über hundert Länder. Was diese Weine ausmacht, ist eine Frische, die man in dieser südlichen Lage nicht erwartet: Grapefruit, Buchsbaum, weiße Blüten, dazu eine Säure, die auch bei später Lese erhalten bleibt. Der Grund dafür ist keine Kellertechnik, sondern die Rebsortenwahl.
Eine IGP, keine Appellation — und das mit Absicht
Côtes de Gascogne ist keine Appellation d'Origine, sondern eine geschützte geografische Angabe. Als Vin de Pays wurde sie durch Dekret vom 25. Januar 1982 anerkannt, den heutigen IGP-Status erhielt sie mit Erlass vom 28. Oktober 2011, nachdem die EU die Kategorie 2009 eingeführt hatte. Das Gebiet umfasst sämtliche Gemeinden des Gers, dazu neunzehn in den Landes und dreizehn im Lot-et-Garonne. Der Unterschied zur Appellation ist kein Qualitätsurteil, sondern eine bewusste Entscheidung für Spielraum: Das Lastenheft lässt 23 weiße und 18 rote Rebsorten zu, während die benachbarten Appellationen Madiran, Saint-Mont, Pacherenc du Vic-Bilh und Tursan streng reglementiert sind. Die Gascogne selbst ist übrigens eine Landschaft, kein weinrechtlicher Begriff — sie enthält all diese Herkünfte, ist aber keine davon.
Colombard ist mit dem Chardonnay verwandt
Die Leitsorte der Gascogne gilt vielen als belangloser Massenträger, und ihre Abstammung sagt etwas anderes. Die DNA-Analyse weist Colombard als Kreuzung aus Chenin Blanc und Gouais Blanc aus — und Gouais Blanc, auf Deutsch Weißer Heunisch, ist zugleich Elternteil von Chardonnay, Gamay und Aligoté. Colombard ist damit ein naher Verwandter der berühmtesten weißen Sorte der Welt, nur eben mit anderer Karriere: Er behält seine Säure auch dann, wenn die Trauben spät gelesen werden, und liefert die Grapefruitnote, für die die Gascogne bekannt ist. Angebaut wird er meist zusammen mit Gros Manseng, Ugni Blanc und Sauvignon Blanc, die im Verschnitt Körper und Aromatik ergänzen. Reinsortig findet man ihn selten, im Verschnitt fast immer.
Armagnac: zehn Sorten, ein Durchgang
Für Armagnac sind zehn Rebsorten zugelassen, praktisch relevant sind vier: Ugni Blanc, Baco, Folle Blanche und Colombard. Der Baco ist dabei eine weinrechtliche Ausnahme, die es sonst nirgends in Frankreich gibt — er wurde 1898 von François Baco als Kreuzung aus Folle Blanche und der amerikanischen Sorte Noah gezüchtet, und die offizielle Darstellung der Appellation nennt ihn wörtlich „seul cépage hybride producteur autorisé dans une AOC", die einzige zugelassene Hybridsorte in einer französischen Appellation. Das INAO wollte sie 1990 bis 2010 verbieten, der Widerstand der Erzeuger verhinderte das. Der zweite Unterschied zum Cognac liegt in der Brennerei: Armagnac wird traditionell in einem einzigen kontinuierlichen Durchgang destilliert, nicht zweimal. Die Fläche in Produktion lag 2024 bei rund 2.750 Hektar.
Der Sand stammt aus den Pyrenäen, nicht aus dem Meer
Über die Böden der Gascogne liest man häufig, sie bestünden aus Ablagerungen eines urzeitlichen Meeres. Das führt in die Irre. Prägend sind drei Bodentypen: die Boulbènes, lehmig-sandige und oft wasserstauende Böden; die Sables fauves, rötlich-gelbe Sande, die dem Bas-Armagnac seinen Charakter geben; und Ton-Kalk-Mergel, der in der Ténarèze überwiegt. Ihr Material stammt überwiegend aus dem Abtrag der Pyrenäen, verfrachtet in das aquitanische Molassebecken — es ist also Gebirgsschutt, nicht Meeresboden. Für den Weinbau zählt vor allem der Wasserhaushalt: Sande erwärmen sich schnell und drainieren stark, die schwereren Ton-Kalk-Böden halten Wasser und bringen strukturiertere, langsamer reifende Weine hervor.
Floc de Gascogne: Most trifft Brand
Neben Wein und Armagnac erzeugt die Gascogne ein drittes Getränk, das außerhalb Frankreichs kaum bekannt ist. Der Floc de Gascogne ist eine Mistelle: frischer, unvergorener Traubenmost, dem zu einem Drittel Armagnac zugesetzt wird, wodurch die Gärung gar nicht erst beginnt. Beide Bestandteile müssen aus demselben Betrieb stammen. Das Ergebnis hat 16 bis 18 Volumenprozent, bleibt süß und schmeckt nach frischen Trauben statt nach Alkohol. Seit 1990 ist der Floc eine eigene Appellation, erzeugt in Gers, Landes und Lot-et-Garonne, in Weiß aus Colombard, Ugni Blanc und Gros Manseng sowie in Rosé aus Cabernet Franc, Cabernet Sauvignon und Merlot. Getrunken wird er gekühlt als Aperitif oder zu Foie gras und Melone — das französische Gegenstück zum Pineau des Charentes.
Der erste Weinberg Frankreichs unter Denkmalschutz
In Sarragachies im Gers steht eine Parzelle, die seit 2012 als Monument historique eingetragen ist — der erste Weinberg Frankreichs, dem dieser Status zuerkannt wurde. Auf ihr wachsen rund 600 wurzelechte, also nie auf amerikanische Unterlagen gepfropfte Rebstöcke, gepflanzt um 1820 und seither von der Familie Pédebernade gepflegt; eine Teilfläche mit Tannat kam um 1871 dazu. Die ampelografische Untersuchung durch SupAgro Montpellier, das Institut Français de la Vigne et du Vin und INRAE fand dort zwanzig bis einundzwanzig verschiedene Rebsorten, davon sieben, die in keinem Verzeichnis der Welt geführt werden — sie tragen seither die Arbeitsnamen Pédebernade eins bis sieben. Zwei weitere alte Sorten der Region, Manseng noir und Tardif, wurden aus solchen Beständen wieder in Kultur genommen.
D'Artagnan war ein Gascogner, aber kein Musketier aus dem Roman
Der berühmteste Sohn der Gascogne hat tatsächlich hier gelebt: Charles de Batz de Castelmore wurde um 1611 bis 1613 in Lupiac im Gers geboren — ein genaues Datum ist nicht überliefert. Er diente als Musketier Ludwigs XIV., stieg zum Hauptmann auf, nahm 1661 den Finanzminister Nicolas Fouquet fest und fiel am 25. Juni 1673 bei der Belagerung von Maastricht durch eine Musketenkugel. Alles Weitere ist Literatur: Alexandre Dumas stützte sich auf eine erfundene Pseudo-Autobiografie von Gatien de Courtilz de Sandras. Athos, Porthos und Aramis als Freundeskreis, die Duelle mit den Männern Richelieus, die Geschichte um die Diamanten der Königin — nichts davon ist historisch. Geblieben ist ein Standbild in Lupiac und ein Landstrich, der seinen Ruf als heißblütig gern bestätigt sieht.
Was wir aus der Gascogne führen
Aus der Gascogne stehen zwei Weine bei uns, beide von der Domaine Saint-Lannes und beide zum selben Preis von 5,50 Euro — sie zeigen genau das, wofür die Region international geschätzt wird. Der Signature blanc 2025 ist die klassische gascognische Cuvée aus Colombard, Gros Manseng und Ugni Blanc: trocken, zitrusbetont, mit der typischen Grapefruitnote und knackiger Säure, die ihn zum Aperitif ebenso trägt wie zu Meeresfrüchten, Ziegenkäse oder asiatischer Küche. Der Rosé 2025 aus Merlot und Cabernet Sauvignon ist ebenfalls trocken ausgebaut, hell in der Farbe und auf Frische angelegt. Beide bei acht bis zehn Grad servieren und jung trinken — diese Weine gewinnen nicht durch Lagerung, sondern durch Trinkfreude. Weitere Weißweine und Roséweine stehen in eigenen Kategorien, das übrige Land unter Frankreich.