China hat nach der Rebfläche Rang drei der Welt und nach der Weinproduktion Rang achtzehn — dieser Widerspruch erklärt das Land besser als jede Wachstumsprosa. 733.000 Hektar Reben zählte die Organisation Internationale de la Vigne et du Vin für 2025, aber der weit überwiegende Teil davon sind Tafel- und Trockentrauben; auf Keltertrauben entfallen nur rund 140.000 Hektar. Gekeltert wurden daraus 2,2 Millionen Hektoliter, ein knappes Drittel dessen, was 2020 noch anfiel. Auch der Konsum schrumpft: von 12,4 Millionen Hektolitern im Jahr 2020 auf 4,8 Millionen 2025. Chinesischer Wein ist damit keine Erfolgsgeschichte im Aufwärtstrend, sondern etwas Interessanteres — eine junge Weinbaunation, die gerade ihre erste große Korrektur durchläuft und in der trotzdem einige der ehrgeizigsten Weinprojekte der Welt entstehen. Einen davon führen wir: den Ao Yun aus Yunnan, gewachsen auf bis zu 2.600 Metern Höhe im Vorland des Himalaya.
Was in den 9.000 Jahre alten Krügen wirklich war
Die Behauptung, China blicke auf eine fünftausendjährige Weinkultur zurück, hält der Prüfung nicht stand. Was tatsächlich gefunden wurde, ist älter und etwas anderes: Patrick McGovern von der University of Pennsylvania wies 2004 in den Proceedings of the National Academy of Sciences an Keramikscherben aus Jiahu in der Provinz Henan Rückstände eines vergorenen Getränks aus etwa 7000 vor Christus nach — aus Reis, Honig und Frucht, vermutlich Weißdorn oder Wildtraube. Traubenwein aus Vitis vinifera ist das nicht, und eine Kontinuität zum heutigen Weinbau gibt es ebenso wenig. Die europäische Weinrebe erreichte China erst über die Seidenstraße, und der industrielle Weinbau begann 1892, als Zhang Bishi in Yantai an der Küste Shandongs das Weingut Changyu gründete und europäische Rebstöcke importieren ließ.
Cabernet Gernischt ist in Wahrheit Carménère
Die als typisch chinesisch geltende Rebsorte Cabernet Gernischt stammt aus Bordeaux. Eine Arbeitsgruppe um Zhong Xiaomin veröffentlichte 2012 in der Fachzeitschrift Vitis eine Untersuchung mit 32 Mikrosatelliten-Markern und kam zu einem eindeutigen Ergebnis: Cabernet Gernischt ist genetisch identisch mit Carménère, jener Sorte, die auch in Chile jahrzehntelang für Merlot gehalten wurde. Sie kam 1892 mit den ersten Changyu-Importen ins Land. Ähnlich verhält es sich mit Longyan, dem „Drachenauge": eine Vitis vinifera europäischen Ursprungs, in China seit über achthundert Jahren eingebürgert, aus der 1979 in Huailai Chinas erster trockener Weißwein entstand. Echte ostasiatische Wildarten sind Vitis amurensis und Vitis davidii; aus ihnen wurden frostharte Sorten wie Beichun und Beibinghong gezüchtet.
87,5 Prozent der Reben werden jeden Winter vergraben
Der chinesische Weinbau leistet sich einen Arbeitsgang, den es sonst kaum irgendwo gibt: Im Herbst werden die Rebstöcke heruntergebogen und mit Erde bedeckt, im Frühjahr wieder freigelegt. Eine 2023 in der Zeitschrift Stress Biology erschienene Übersichtsarbeit beziffert den Anteil der davon betroffenen Keltertraubenfläche auf 87,5 Prozent; die Grenze verläuft dort, wo die Wintertemperatur unter minus 17 Grad fällt. Über ein Drittel der Weinbaukosten Nordchinas entfällt auf diese Prozedur, in Xinjiang über 15.000 Yuan je Hektar und Jahr, umgerechnet rund 2,93 Yuan Mehrkosten je Flasche. Der Preis ist aber nicht nur finanziell. Der Weinkritiker Ch'ng Poh Tiong fasst die Folge so zusammen: „In vielen chinesischen Weinbergen gibt es keine wirklich alten Reben." Vergrabene Stöcke halten in der Praxis fünfundzwanzig bis dreißig Jahre, dann brechen sie beim Herunterbiegen.
Ningxia hat sein eigenes Ziel für 2025 verfehlt
Ningxia am Osthang des Helan-Gebirges ist Chinas ambitionierteste Weinregion und zugleich ein Lehrstück über staatliche Zielvorgaben. Die Region bewirtschaftet rund 40.000 Hektar Reben, etwa vierzig Prozent der chinesischen Keltertraubenfläche, verteilt auf 130 Weingüter mit rund 140 Millionen Flaschen im Jahr (China Daily, Juni 2025). Der 2021 vom Staatsrat gebilligte Entwicklungsplan hatte für 2025 rund 66.000 Hektar und 300 Millionen Flaschen vorgesehen — beides klar verfehlt. Was Ningxia trotzdem auszeichnet: ein eigenes fünfstufiges Klassifikationssystem nach Bordelaiser Vorbild, eingeführt 2013 und alle zwei Jahre neu bewertet, das einzige seiner Art in China. Und einen Durchbruch, der datiert ist: 2011 gewann der Jia Bei Lan Cabernet Sauvignon 2009 von Helan Qingxue die International Trophy der Decanter World Wine Awards.
Warum der Binnenmarkt wegbricht
Der chinesische Weinmarkt schrumpft seit 2018 um durchschnittlich zwei Millionen Hektoliter im Jahr. Die Importe fielen 2025 um 26,7 Prozent auf 2,1 Millionen Hektoliter, der Importwert um 14,6 Prozent auf 1,3 Milliarden Euro. Auch die heimischen Erzeuger trifft es hart: Changyu, das älteste und größte Weinunternehmen des Landes, meldete für 2025 einen Umsatzrückgang von 8,8 Prozent und einen Gewinneinbruch von 76,6 Prozent — der niedrigste Wert seit über zwanzig Jahren Börsennotierung. Sun Jian, Generaldirektor von Changyu, benannte die Lage auf der Hauptversammlung im Mai 2025 ungewöhnlich offen: „Die Verbraucher halten ihr Geld zusammen, und Wein ist als Nicht-Grundbedarf oft das Erste, was gestrichen wird, wenn gespart wird." Für Australien, dessen Weine von 2021 bis März 2024 mit Strafzöllen von bis zu 218,4 Prozent belegt waren, öffnete sich damit ein Markt, der inzwischen ein Viertel kleiner ist als vorher.
Zeit ist die Zutat, die noch fehlt
Chinesische Winzerinnen und Winzer sind über den Stand ihres eigenen Weinbaus meist nüchterner als die Berichterstattung über sie. Zhang Jing, Mitgründerin und Kellermeisterin von Helan Qingxue in Ningxia und damit verantwortlich für den bis heute meistbeachteten chinesischen Wein, formulierte die Reihenfolge der Aufgaben so: „Zuerst müssen wir fehlerfreie Weine machen — nicht ein Weingut, sondern die ganze Region, dreißig bis fünfzig Jahre lang. Dann können wir langsam etwas aus dem Terroir herausarbeiten." Das ist der Maßstab, an dem sich chinesischer Wein messen lassen muss: nicht an einzelnen Medaillen, sondern an gleichbleibender Qualität über eine Region und über Jahrzehnte. Bemerkenswert ist die Sortenwahl der jüngeren Generation. Marselan, eine französische Kreuzung aus Cabernet Sauvignon und Grenache von 1961, wächst inzwischen bei achtzig bis hundert chinesischen Erzeugern.
Yunnan: Weinberge auf 2.600 Metern im Himalaya-Vorland
Das ungewöhnlichste Weinprojekt Chinas liegt nicht in Ningxia, sondern im Nordwesten Yunnans, dort, wo der Mekong sich durch die Ausläufer des Himalaya schneidet. Moët Hennessy übernahm 2012 die Mehrheit an einem Projekt in vier tibetischen Dörfern — Xidang, Sinong, Shuori und Adong — und brachte 2013 den ersten Jahrgang unter dem Namen Ao Yun ein, „Fliegen über den Wolken". Bewirtschaftet werden 27 Hektar in 35 einzelnen Parzellen zwischen 2.100 und 2.600 Metern Höhe, bestellt von rund 120 Bauernfamilien, die Arbeit läuft weitgehend von Hand. Zu den höchstgelegenen Weinbergen der Welt gehören diese Lagen zweifellos — die höchsten sind sie nicht: Den Guinness-Rekord hält seit 2018 ein Weinberg bei Lhasa in Tibet mit 3.563 Metern, und Colomé im argentinischen Salta liegt mit rund 3.111 Metern ebenfalls höher.
Was wir aus China führen
Aus China steht bei uns genau eine Flasche: der Ao Yun Shangri-La aus dem Jahrgang 2020 zu 299,50 Euro. Die Cuvée besteht zu 60 Prozent aus Cabernet Sauvignon, dazu 18 Prozent Cabernet Franc, 10 Prozent Merlot, je 6 Prozent Syrah und Petit Verdot; ausgebaut wird rund zwölf Monate in französischen Barriques und in Amphoren aus Steinzeug. Verantwortlich ist der Bordelaiser Önologe Maxence Dulou. Dass ein Wein aus dem Himalaya-Vorland in dieser Preisklasse steht, hat weniger mit Prestige zu tun als mit Aufwand: 27 Hektar in 35 Parzellen, Handarbeit, keine Mechanisierung. Servieren Sie ihn bei 17 Grad und dekantieren Sie ihn eine Stunde vorher; er hat noch mindestens zehn Jahre vor sich. Wer wissen will, wie chinesischer Wein an der Spitze schmeckt, findet hier die Antwort — ein breiteres chinesisches Sortiment führen wir bewusst nicht, weil unterhalb dieser Ebene bislang wenig kommt, das den Weg nach Europa lohnt.