Campo de Borja liegt im Nordwesten der Provinz Zaragoza, im Ebrotal, gut hundert Kilometer ostsüdöstlich von Logroño und damit tatsächlich südöstlich der Rioja — aber in einem völlig anderen Weinbaukosmos. Die Herkunft nennt sich selbst das Imperium der Garnacha, und ausnahmsweise ist ein solcher Slogan durch Zahlen gedeckt: Von rund 6.100 Hektar Rebfläche entfallen gut 3.200 Hektar auf Garnacha Tinta, also mehr als die Hälfte. Geprägt wird die Gegend vom Moncayo, mit 2.314 Metern der höchste Berg des Iberischen Randgebirges, und vom Cierzo, einem kalten, trockenen Nordwestwind, der die Reben austrocknet und die Erträge klein hält. 2023 brachte ein Hektar im Schnitt 3.431 Kilogramm Trauben — ein Bruchteil dessen, was in der spanischen Ebene üblich ist, und der eigentliche Grund für die Konzentration dieser Weine. Wer Garnacha für eine billige Verschnittsorte hält, hat diese Region noch nicht im Glas gehabt.
Sechstausend Hektar sind nicht wirklich klein
Die Bezeichnung kleine Herkunft trifft nur im nationalen Maßstab zu. Campo de Borja meldete für 2023 rund 6.093 Hektar in Ertrag, verteilt auf sechzehn Gemeinden und Teilflächen zweier weiterer; siebzehn Bodegas füllen ab. Zum Vergleich: Die östliche Nachbarherkunft Cariñena ist mit rund 14.000 Hektar mehr als doppelt so groß, Calatayud und Somontano sind kleiner, und das Bierzo kommt mit rund 2.350 Hektar auf gut ein Drittel. Innerhalb Aragóns ist Campo de Borja also eine mittelgroße Herkunft. Geerntet wurden 2023 knapp 20,9 Millionen Kilogramm Trauben, davon 92,2 Prozent rot und nur 7,8 Prozent weiß. Der Kontrollrat bewertete den Jahrgang als sehr klein in der Menge und sehr gut in der Qualität.
Der Moncayo gehört nicht zu den Pyrenäen
Der Berg, der über der Region steht, wird gern falsch einsortiert. Der Moncayo misst 2.314 Meter und ist der höchste Gipfel des Sistema Ibérico, des Iberischen Randgebirges — nicht der Pyrenäen, die deutlich weiter nördlich verlaufen und mit dieser Region geologisch nichts zu tun haben. Für den Weinbau zählt weniger die Höhe des Bergs als seine Wirkung: Er trennt die Ebrosenke von der kastilischen Hochebene und gibt dem Gebiet seine Ausrichtung nach Nordosten. Die Weinberge steigen von den Terrassen des Flusses Huecha bis in seine Ausläufer an. Am Fuß des Moncayo liegt außerdem das Zisterzienserkloster Veruela, das für die Weinbaugeschichte der Gegend die zentrale schriftliche Quelle ist. Der Berg gibt einer ganzen Reihe von Weingütern und Marken den Namen.
Drei Zonen zwischen 350 und 700 Metern
Das Lastenheft der Herkunft teilt das Gebiet in drei Höhenzonen mit jeweils eigenem Boden. Die Zona Baja liegt zwischen 350 und 450 Metern, um Agón, Bisimbre, Magallón und Pozuelo de Aragón, auf braunen Kalkböden. Die Zona Media reicht von 450 bis 550 Meter und umfasst Alberite, Albeta, Bureta, Maleján, Ainzón, Borja und Fuendejalón; hier liegen die Terrassenböden der Huecha, kiesig, tonig und eisenhaltig. Die Zona Alta zwischen 550 und 700 Metern zieht sich in die Moncayo-Ausläufer bei Tabuenca, Bulbuente, Ambel, El Buste und Vera de Moncayo, mit tonig-eisenhaltigen und deutlich steinigeren Böden. Je höher die Lage, desto später die Reife und desto frischer der Wein — dreihundertfünfzig Höhenmeter Unterschied entsprechen hier gut zwei Wochen Lesezeitpunkt.
Der Cierzo: kalt, trocken, aus Nordwest
Das Lastenheft nennt einen Wind ausdrücklich beim Namen, und das kommt selten vor. Der Cierzo weht aus Nordwesten durch die Ebrosenke, ist kalt und trocken und sorgt für starke Verdunstung; das Dokument beschreibt, dass er Wasserstress erzeugt und die phenolische Reife verlangsamt. Das Klima ist stark kontinental, im Winter atlantisch, im Sommer mediterran beeinflusst. Der Jahresniederschlag liegt laut Lastenheft zwischen 350 Millimetern in der Tiefzone und 450 in der Höhenzone — Werte, bei denen in Mitteleuropa kein Weinbau mehr stattfände. Eine eigene Wetterstation mit dreißigjährigen Normalwerten hat die Region nicht; die nächstgelegene amtliche Station in Zaragoza liegt auf 249 Metern und damit tiefer als jeder Weinberg der Herkunft.
Garnacha auf mehr als der Hälfte der Fläche
Garnacha Tinta stand 2023 auf 3.218,6 Hektar und damit auf 52,8 Prozent der Rebfläche von Campo de Borja. Rund 825 Hektar davon, gut ein Viertel, sind älter als dreißig Jahre und verteilen sich auf 1.617 einzelne Parzellen — eine Kleinteiligkeit, die alte Anlagen überhaupt erst überleben lässt. Seit 2022 untersucht das Projekt Garnachas Históricas sechs dieser Parzellen zwischen dreißig und neunzig Jahren, gelegen zwischen 300 und 900 Metern, gemeinsam mit der Universität Zaragoza und der Universidad Pública de Navarra. Getragen wird es von den drei Bodegas Ainzón, Aragonesas und Borsao, die zusammen über fünfundneunzig Prozent der Rebfläche vertreten. Finanziert wird es von der Regierung Aragóns und aus EU-Mitteln.
Mazuela ist Cariñena ist Carignan
Neben der Leitsorte lässt das Lastenheft acht weitere rote Sorten zu: Mazuela, Tempranillo, Cabernet Sauvignon, Merlot, Syrah, Garnacha Tintorera, Caladoc und Marselan. Mazuela ist dabei kein aragonesischer Sonderfall, sondern dieselbe Rebe, die in der Rioja Mazuelo heißt, in Katalonien Samsó, in der Nachbarherkunft Cariñena wie das Gebiet selbst und in Südfrankreich Carignan. Die ebenfalls zugelassene Garnacha Tintorera ist wiederum nicht mit der Garnacha Tinta verwandt, sondern die Leitsorte von Almansa. Weiß zugelassen sind Macabeo, Garnacha Blanca, Chardonnay, Sauvignon Blanc, Verdejo, Viognier und beide Muskateller, Moscatel de Grano Menudo und Moscatel de Alejandría. Aus letzterem entstehen die süßen Moscateles, für die vor allem Ainzón bekannt ist.
1203 wurde der Weinbau erwähnt, nicht gepflanzt
Über Campo de Borja liest man regelmäßig, die ältesten Reben der Region stammten aus dem Jahr 1203. Das ist eine Verwechslung. 1203 ist das Jahr, aus dem die erste urkundliche Erwähnung von Rebflächen stammt — eine Schenkung an das Zisterzienserkloster Veruela, das 1146 gegründet wurde und die Landwirtschaft der Gegend über Jahrhunderte prägte. Reben aus dem dreizehnten Jahrhundert gibt es nicht, weder hier noch sonstwo in Europa. Das Kloster ist heute ein Kulturzentrum der Provinz Zaragoza; berühmt wurde es außerdem durch Gustavo Adolfo Bécquer, der hier seine Briefe aus meiner Zelle schrieb. Die heutige Genossenschaftsstruktur ist jünger: Bodegas Borsao geht auf die 1958 gegründete Cooperativa de Borja zurück, Bodegas Alto Moncayo entstand erst 2002.
Warum Garnacha kühle Nächte braucht
Der Jahrgang 2026 fiel in ganz Aragón klein aus. Hitze und Dürre drückten die Erntemenge in Campo de Borja auf rund fünfundzwanzig Millionen Kilogramm Trauben, etwa drei Millionen weniger als im Vorjahr; die weißen Sorten wurden ab dem 7. August gelesen, die Garnacha erst ab Anfang September. Eduardo Ibáñez, Präsident des Kontrollrats der DO Campo de Borja, erklärte am 24. August 2026 in El Español, worauf es bei dieser Sorte ankommt: „La garnacha necesita que haya 30 grados durante el día y que por la noche baje a 12 o 14." Garnacha reift spät und tut sich mit der Reife schwer, wie er im selben Gespräch anmerkte. Genau diese Tag-Nacht-Spanne liefert die Zona Alta am Moncayo — und genau deshalb reift die Sorte hier langsamer als in der Ebrosenke.
Wozu ein Garnacha aus Campo de Borja passt
Garnacha aus dieser Höhenlage ist dunkelfruchtig und würzig, hat spürbaren Alkohol und weiches Tannin — sie braucht deshalb keine Dekantierstunde, sondern eher ein kühles Glas. Sechzehn Grad sind richtig, achtzehn schon zu viel; bei zwanzig Grad Raumtemperatur schmeckt der Wein breit. Auf dem Tisch passt er zu allem, was Fett und Röstaromen mitbringt: Lammrücken, gegrilltes Gemüse mit Olivenöl, Hartkäse, im Sommer auch zu Grillwürsten. Die aragonesische Spezialität dazu heißt Ternasco de Aragón, das junge Lamm der Region, seit 1999 mit geschützter geografischer Angabe. Weitere Rotweine stehen in einer eigenen Kategorie, die Altrebenweine aus Toro in einer benachbarten und alle Herkünfte unter Spanien.